
[ Informationen sind nicht vollständig, da dies nur eine Übung zum Erstellen einer Internetseite im Rahmen der schulinternen Lehrerfortbildung war!]
Herkunft und Jugend (1749–1765)
Goethes Vater, Johann Caspar Goethe (* 1710; † 1782), lebte mit seiner Familie in einem geräumigen Haus am Großen Hirschgraben. Als Privatier ging er dort seinen Neigungen und Interessen nach; so widmete er sich der Zusammenstellung eines Naturalienkabinetts und der Sammlung von Gemälden.
Goethes Mutter Catharina Elisabeth Goethe (* 1731; † 1808) war eine geborene Textor - eine alteingesessene Patrizierfamilie. Die Tochter des Frankfurter Schultheißen (hier: Vorsteher des Justizwesens) hatte mit 17 Jahren den damals 38-jährigen Rat Goethe geheiratet. Sie hatte in ihrer Kindheit keinerlei Bildung genießen können, wurde jedoch gerühmt wegen ihrer warmen Herzlichkeit und ihrer unverbildeten naiven Tüchtigkeit. Der Sohn schrieb später:
Außer der am 7. Dezember 1750 geborenen Schwester Cornelia Friderike Christiana starben alle anderen Geschwister früh. 1758 erkrankte Goethe an den Blattern (Pocken).
Goethe wurde von seinem Vater und durch Privatlehrer - gemeinsam mit seiner Schwester und zeitweise mit der Mutter - in allen damals üblichen Fächern und mehreren Sprachen (Lateinisch, Griechisch, Französisch, Englisch und Hebräisch) unterrichtet. Auch erhielt er den in seinen Kreisen üblichen Unterricht im Tanzen, Reiten und Fechten. Er war eher ein Musterknabe als ein Raufbold, lernte leicht, wenn man seinem Spieltrieb freien Lauf ließ. Eine dauerhafte Abneigung gegen die Kirche weckte die umfangreiche Papsthistorie in der Bibliothek des Vaters – später charakterisierte er Kirchengeschichte als „Mischmasch von Irrtum und von Gewalt“. Sein großes Vergnügen war immer Zeichnen, Musik dagegen war nicht seine Sache.
Schon früh interessierte er sich für die Literatur, wobei er sein Augenmerk zunächst auf Friedrich Gottlieb Klopstock und Homer richtete. Sehr früh wurde seine Begeisterung für das Theater geweckt: im väterlichen Haus wurde alljährlich ein Puppentheater eingerichtet, das ihn faszinierte. Später schrieb er, er wünschte sich, „zugleich unter den Bezauberten und Zauberern“ zu sein. Während der Besetzung Frankfurts durch französische Truppen 1759 besuchte er häufig das französische Theater im Junghof. 1763 erlebte er ein Konzert des damals 7 Jahre alten Mozart. Mit 14 Jahren bewarb er sich um die Mitgliedschaft in der tugendhaften Arkadischen Gesellschaft zu Phylandria, wurde jedoch wegen „Ausschweifung“ abgewiesen. 1764 wurde er auch Zeuge der Feierlichkeiten anlässlich der Krönung Josephs II. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, was er in Dichtung und Wahrheit ausführlich beschreibt. Mit 15 Jahren tändelte er mit einer Kellnerin (?) - der er wesentlich später den Namen Gretchen gab - und geriet in zwielichtige Kreise. Ein Skandal wurde abgewendet und er flüchtete sich in Krankheit.
Am 30. September 1765 verließ er Frankfurt, um auf Anweisung des Vaters in Leipzig das Studium der Rechte aufzunehmen.
Studium und Geniezeit (1765–1775)
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Von 1765 bis 1768 studierte Goethe in Leipzig Jura; dieses Sammelsurium uralter Gerichtsentscheidungen auswendig lernen zu müssen, war das Gegenteil seiner bisherigen Ausbildung und konnte ihn nur abstoßen. Er hörte dort lieber die Poetikvorlesung von Christian Fürchtegott Gellert und nahm an dessen Stilübungen im sanften Stil der Zeit teil. Auch nahm er Zeichenunterricht bei Adam Friedrich Oeser, dem Direktor der Leipziger Akademie. Dort lernte er antike Plastik in Gipsabgüssen und zierlichen Gemmen kennen und wurde von Winckelmanns Ideen beeinflusst. Leipzig war im Vergleich zu Frankfurt eine lockere Messestadt, man nannte sich gern „Klein-Paris“; die altfränkische Art des Jungen wirkte lächerlich. Jedoch nicht lange: in wenigen Wochen entwickelte er sich zum Stutzer. Er verliebte sich in Käthchen Schönkopf und besang diese Liebe in heiter-verspielten Versen in der Tradition des Rokoko. 1770 erschien eine erste Sammlung von in Musik gesetzten Liedern - anonym - im Druck (Gedichtzyklus Annette).
Bei einem Kupferstecher im Hause des Verlegers Breitkopf lernte er Stechen, Holzschnitt und Radieren. Seine eher kritiklose Verehrung vieler zeitgenössischer Poeten wich nun einer bewussten Hinwendung zu Lessing und Wieland. Bereits in dieser Zeit schrieb er sehr viel, eine Oper, ein biblisches Drama über Belsazar; fast alles hat er später vernichtet. Erhalten blieb allerdings die Komödie „Die Mitschuldigen“.
Auerbachs Keller und die dort beheimatete Sage von Fausts Fassritt 1525 beeindruckten ihn so sehr, dass er später Auerbachs Keller als einzigen konkret existierenden Ort in sein Drama Faust I aufnahm. – Ein Blutsturz - oder war es der Druck, den der Vater ausübte, weil das Studium nicht vorankam - zwang ihn, abzubrechen und Ende August 1768 „gleichsam als ein Schiffbrüchiger“ nach Frankfurt zurückzukehren.
Es folgte eine eineinhalbjährige, von manchen Rückfällen unterbrochene Genesungszeit, deren Dauer zu einer tiefgehenden Verstimmung mit dem Vater führte. Während der Rekonvaleszenz wurde er fürsorglich von der Mutter und der geliebten Schwester gepflegt. Während er sich noch auf dem Krankenlager langweilte, schrieb er eine freche Kriminalkomödie. Eine Freundin der Mutter, Susanne von Klettenberg, brachte ihn mit pietistischen Vorstellungen der Herrnhuter in Berührung. So beschäftigte er sich einige Monate lang eingehend mit Mystik, Alchimie und Seelenerforschung.
Im April 1770 verlor der Vater die Geduld, Goethe verließ Frankfurt, um in Straßburg sein Studium zu beenden.
Wieder aber kümmerte er sich wenig um die trockenen Repetitorien. Im Elsass blühte er auf; kaum eine andere Landschaft hat er später ähnlich liebevoll beschrieben wie die warme, weite Rheingegend. In der Tischgesellschaft seiner Pension lernte er mit dem armen Johann Heinrich Jung-Stilling eine Lebensgeschichte aus dem Volk kennen. Weitere Bekanntschaften waren Lerse und Lenz. Entscheidende Anregungen aber gab Herder, der sich wegen einer Augenoperation in Straßburg aufhielt und den der junge Mann ansprach. Herder war die erste überlegene Persönlichkeit, die Goethe kennenlernte; seine Führung war unbarmherzig. Der putzte die zierlichen Gemmen und die geliebte römische Dichtung als flache Kopien herunter und öffnete ihm die Augen für den Theaterdonner eines Shakespeare. Er machte ihn mit den damals eben veröffentlichten Gesängen Ossians vertraut und erschloss ihm die Poesie der Völker. Nicht Stammbäume und Schlachten seien wichtig, sondern das Werden und Wesen der Völker, sichtbar in ihrer unverbildeten Dichtung: dem Alten Testament, Homer, Mythen und Sagen. Dieser ganzheitliche Ansatz kam Goethes Denkungsart nun sehr nahe und beeindruckte ihn zutiefst.
In Straßburg erlebte er zum ersten Mal altdeutsche Baukunst (von französischer Gotik hatte er nichts gehört oder gesehen). Der Eindruck der gewaltigen Massen, die sich - „einfach und groß“ - gen Himmel türmen, führt wenig später zu der begeisterten Schrift „Von deutscher Baukunst D. M. Erwini a Steinbach“.
Auf einem der vielen Ausflüge kam er in dem Dorf Sesenheim (frühere Schreibweise: Sessenheim) in ein gastfreudiges Pfarrhaus und verliebte sich in Friederike Brion. Nach einigen Wochen jedoch machte er leichtfertig Schluss (Lenz schrieb in diesem Zusammenhang von einem Menschen „welcher kam und ihr als Kind das Herze nahm“). Aus der Straßburger Zeit stammen Gedichte, darunter z. B. „Willkommen und Abschied“, „Sesenheimer Lieder“ und „Heideröslein“.
Die vom Vater ersehnte juristische Dissertation gestaltete er mit seinen eigenwilligen Ideen so, dass sie nicht einmal zur amtlichen Zensur angenommen wurde. Immerhin konnte er mittels einer Art Podiumsdiskussion - im Freundeskreis - eine Lizenz erhalten. Seine Ausbildung war damit abgeschlossen; man bot ihm eine Karriere im französischen Staatsdienst an. Die aber lehnte er ab. Er wollte sich nicht binden, sondern ein „Original-Genie“ sein.
Ende August 1771 wurde Goethe in Frankfurt als Lizenziat zugelassen. Er wollte wohl im Sinne von fortschrittlicher, humaner Rechtsprechung und eines humanen Vollzugs tätig werden. Bereits bei seinen ersten Prozessen ging er zu forsch vor, erhielt eine Rüge und verlor die Lust. Damit war nach wenigen Monaten seine Juristenlaufbahn beendet, auch wenn die Kanzlei noch einige Jahre existierte. Damals stand er in Verbindung mit dem Darmstädter Hof, wo man der Mode der Empfindsamkeit huldigte; aus diesem Kreis sind Johann Georg Schlosser (sein späterer Schwager) und Johann Heinrich Merck hervorzuheben. Oft ritt oder wanderte er – auch im Schneesturm – von Frankfurt nach Darmstadt; sein Drang in die Natur war eine Trotzreaktion: Sturm und Drang.
Auch literarische Pläne verfolgte er wieder; dieses Mal hatte der Vater nichts dagegen, half sogar. Einem alten Buch entnahm Goethe die Lebensbeschreibung eines adeligen Wegelagerers aus der Zeit der Bauernkriege. Die Geschichte – kräftig umgewandelt – fügte er in wenigen Wochen zu einem bunten Bilderbogen (er selbst nannte sie in einem Brief „ein Skizzo“). Wie bereits in der Kindheit schuf er sich seine eigene Bühne, traf jedoch damit in das Herz seiner Zeitgenossen; das Stück wurde abgeschrieben, an Freunde gegeben. Die waren begeistert von der Geschichte des „Gottfried von Berlichingen mit der Eisernen Hand“. Wie mit der Würdigung altdeutscher Baukunst traf er auch hiermit einen Nerv seiner Zeit. Als Herder das Stück (das noch gar nicht für die Bühne gedacht war) kritisierte, wurde er von seinem Zögling abserviert. Merck trat als kritischer Förderer an seine Stelle.
Von unbezahlter Mitarbeit an einer literarischen Zeitschrift (herausgegeben von Schlosser und Merck) konnte er nicht existieren. Im Mai 1772 ging Goethe zur Vervollständigung der juristischen Ausbildung als Referendar an das Reichskammergericht in Wetzlar. Das altehrwürdige, aber völlig verwahrloste Institut (einzelne Verfahren waren bereits seit über drei Generationen anhängig) wurde damals einer von Kaiser Joseph II. angeregten „Visitation“ (kritische Beurteilung) unterworfen. Gebildete junge Juristen, mit denen er sich im Gasthof „Zum Kronprinzen“ traf, waren dort tätig, darunter ein Hofrat Johann Christian Kestner. Dieser beschrieb ihn mit folgenden Worten: „...kam hier ein gewisser Goethe aus Frankfurt an, seiner Hantierung nach Dr. juris, 23 Jahre alt, einziger Sohn eines sehr reichen Vaters, um sich hier - dies war seines Vaters Absicht - in praxi umzusehen, die seinige aber war, den Homer, Pindar und andere zu studieren und was sein Genie, seine Denkungsart und sein Herz ihm weiter für Beschäftigungen eingeben würden... Er hat sehr viele Talente, ist ... ein Mensch von Charakter, besitzt eine außerordentlich lebhafte Einbildungskraft… Von Vorurteilen frei, handelt er, wie es ihm einfällt, ohne sich darum zu bekümmern, ob es andern gefällt... Aller Zwang ist ihm verhasst... Er ist bizarr und hat in seinem Betragen… verschiedenes, das ihn unangenehm machen könnte. Aber bei Kindern, bei Frauenzimmern und vielen anderen ist er doch wohl angeschrieben...“. Es war dies die letzte neutrale Charakterisierung, bevor Goethe zum Objekt der Verehrung wurde.
In dem Haus von Kestners Verlobter Charlotte Buff, genannt „Lotte“, erlebte Goethe - wie schon in Sesenheim - häusliches Familienleben. Er verliebte sich, tändelte und spielte mit dem Feuer. Der heiter-behagliche Sommer fand sein Ende in einem ernsten Gespräch mit Kestner, in dem auch Selbstmordgedanken aufgetaucht sein können. Am folgenden Morgen bereits war Goethe nach Frankfurt geflüchtet. Dort ließ er sich nun dauerhaft nieder, war allerdings ständig unterwegs. Berühmt wurden sein Besuch in Koblenz bei Sophie von La Roche, der Gattin eines Ministers des Erzbischofs von Trier, und seine Liebelei mit deren Tochter Maximiliane (spätere Frau Brentano).
Merck drängte („Bei Zeit auf die Zäun, so trocknen die Windeln“), den Götz von Berlichingen in eine Bühnenfassung umzuarbeiten und zu veröffentlichen. Sie brachten ihn schließlich im Selbstverlag heraus. Er wurde ein Sensationserfolg (mit der Folge von Raubdrucken und einer Flut von Ritterromanen und -schauspielen) und machte Goethe mit einem Schlag berühmt. Allerdings zahlte er dann auch jahrelang Schulden ab.
In dem Briefwechsel mit Kestner erfuhr er von dem Suizid des Gesandtschaftssekretärs Karl Wilhelm Jerusalem. Dies war für Goethe der Auslöser, seinen Roman Die Leiden des jungen Werthers zu schreiben. Darin verband er die eigenen Erlebnisse mit seiner Angebeteten Charlotte Buff mit dem Schicksal Jerusalems. In wenigen Wochen schrieb er sich von der Seele, was ihn bedrückt hatte, befreite er sich „von seiner Trunkenheit, seinem Rausch”, wie sein Kammerdiener und langjähriger Sekretär Philipp Seidel sich erinnerte. Auch dieser Roman wurde ein großer Erfolg. Die Folge war eine europaweite Werther-Hysterie, sogar Selbstmorde nach dem Vorbild Jerusalems wurden gemeldet. Der Götz und der Werther - so verschieden sie auch sind - markierten den Beginn einer neuen deutschen Literatur. Der ruppige Stil des Götz wurde Mode bei den Dichtern des Sturm und Drang. Goethe aber galt von nun an als Genie.
Das Elternhaus wurde zu einer Herberge für alle möglichen Interessenten, Schmeichler, jedoch auch ernstzunehmender Freunde, darunter Klopstock. Eine Fülle weiterer Arbeiten entstand: Fastnachtspossen im Stil von Hans Sachs, die Farce „Götter, Helden und Wieland“, das „Jahrmarktsfest zu Plundersweilern“, er machte sich über das Treibhaus der Sentimentalität, die Darmstädter Naturschwärmer lustig. Daneben finden sich Pläne zu Dramen über bedeutende Gestalten der Geschichte: Mohammed („Mahomet“), Sokrates, Cäsar, Prometheus, Christus, den ewigen Juden Ahasver… All diese genialen Fetzen blieben Fragmente. Einen damals aufgegriffenen Stoff allerdings behandelte er später weiter: den „Faust“. Vollendet wurde das Drama „Clavigo“, in dem er den Konflikt von Talent und Charakter mit Gefühl behandelte (die Anregung zu diesem Stoff stammte von Beaumarchais.). Seine Zeit schwankte unentschlossen zwischen Sentimentalität und Sturm und Drang, zwischen Klassizismus und beginnender Romantik. In ähnlicher Weise schwankt der Hauptdarsteller 1775 in seinem Bühnenstück „Stella, ein Schauspiel für Liebende“ unentschieden zwischen zwei Frauen; die Handlung mündet in eine Doppelehe.
1774 unternahm er eine Lahnreise mit seinen Freunden Basedow und Lavater nach Ehrenbreitstein. Im Dezember 1774 vermittelte ein Major von Knebel die Bekanntschaft mit dem Erbprinzen Carl-August von Sachsen-Weimar, der auf dem Weg zu seiner Kavaliersreise nach Paris war. Im selben Winter lernte er Elisabeth Schönemann (Lili), Tochter aus einem Frankfurter Bankiershaus, kennen. Sie wird geschildert als reizende, lebenslustige Blondine, gleichzeitig aber selbstbewusst, fein und ernsthaft. Diese junge Frau bestrickte ihn; es wurde eine verzehrende Leidenschaft. Lili war keine ungefährliche „Äbtissin“ wie seine ferne Brieffreundin Auguste von Stolberg oder bereits gebunden wie Lotte in Wetzlar. In seinen späten biographischen Notizen findet sich zwar nur die Wortreihe „Abenteuer mit Lili – Einleitung – Verführung – Offenbach”, in seinem Gedicht „Lilis Park“ erfährt man aber relativ unverschlüsselt, was dies zu bedeuten hatte. Es kam, trotz der familiären Hindernisse, zur förmlichen Verlobung, die jedoch nur ein halbes Jahr Bestand hatte.
Bevor es ernst wurde, flüchtete er wieder einmal: zusammen mit den Brüdern Stolberg unternahm er – in Werther-Uniform – eine Reise in die Schweiz (Mai bis Juli 1775), das Land der unverfälschten Sitten, der ehrlichen Landleute. Lavaters patriarchalischer Haushalt in Zürich entsprach durchaus dieser Vorstellung. Dort besuchte er auch den alten Johann Jakob Bodmer, von dem er nicht wusste, dass der vor Jahrzehnten versucht hatte, das Nibelungenlied herauszugeben. Mit dem jungen Passavant reiste er weiter bis an den Gotthard-Pass. Das ersehnte Italien lag vor ihm – er aber kehrte um. Lili dagegen vergaß er zeitlebens nie und verewigte sie gleich in zweien seiner Werke: als Hauptfigur in Stella und als Dorothea.
Wieder in Frankfurt aber wurde Goethe von Karl-August (nunmehr
Herzog von Sachs
en-Weimar) aufgesucht, der in ihm einen geeigneten
Berater für seine Regierungstätigkeit sah. Er lud ihn ein, als sein
„Favorit“ nach Weimar zu kommen. Der reichsstädtisch gesinnte Vater war
dagegen und riet zu einer Reise nach Italien. Er war bereits auf dem
Weg dorthin; in Heidelberg holte ihn die weimarische Kutsche ein und
Goethe gab seinem Leben eine völlig neue Wendung. Mit dieser Fahrt von
Heidelberg nach Weimar brechen seine Lebenserinnerungen „Dichtung und Wahrheit“ ab.
Am 7. November 1775 traf er in Weimar (damals mit Eisenach, Jena, Neustadt und dem Amt Ilmenau) ein, einem der vielen verarmten Duodezfürstentümer im Reich. Die ersten Monate waren angefüllt mit Festen, Lustbarkeiten und Tollheiten aller Art; im Frühjahr 1776 begann er, an einzelnen Sitzungen des Conseils (informell) teilzunehmen. Im Juni wurde er zum Geheimen Legationsrat mit Sitz und Stimme in diesem Ministerrat ernannt, gegen den Widerstand des Hofs, der Minister und Beamten. Doch früh hatte Goethe Verbündete gefunden in Wieland und der Herzoginmutter Anna Amalie von Sachsen-Weimar-Eisenach; mit dem jungen Herzog war er sowieso bald sehr intim.
Er wohnte sechs Jahre in seinem "Gartenhaus", das der Herzog ihm faktisch zum Geschenk machte. Der vermietete ihm 1782 dann ein großzügiges Haus am Frauenplan, das er ihm 1792 schließlich schenkte. Hier lebte Goethe bis zu seinem Tod.
Karl August spannte ihn in die Regierungsarbeit ein; gleichzeitig nahm ihn eine Frau in die Zucht. In den folgenden Jahren lernte er das Ländchen auf vielen Wanderungen und Ausritten zu Pferde kennen, er übernahm verschiedene Ämter: Leitung der Kriegskommission, Direktor des Wegebaus, Leiter der Finanzverwaltung, zeitweise auch Kultusfragen. Faktisch war er Leiter des Kabinetts (Ministerpräsident). Außerdem war er zuständig für die zerrüttete Ehe des Herzogpaares; Luise (er kannte sie aus Darmstadt) war frigide wie seine eigene Schwester Cornelia, der Herzog das Gegenteil. Goethe musste ständig schlichten und animieren.
Dazwischen (1777) flüchtete er für zwei Monate in den Harz. Im Amt Ilmenau stöberte er einen alten Bergbau auf und träumte von Silberschätzen, mit denen man die Finanznot beheben könnte. Diese Bergbaupläne versackten bald in alten Rechtsansprüchen und Wassereinbrüchen, hinterließen jedoch ihre Spuren (im zweiten Teil des Faust). Und die Geologie wurde zu seiner heimlichen Liebe. 1779 unternahm er eine zweite Schweiz-Reise, um in Bern eine Anleihe für das verschuldete Fürstentum aufzunehmen. Auf dem Weg dorthin besuchte er die Mutter in Frankfurt und im Elsass die Verflossenen Lili und Friederike. 1783 folgte die zweite Reise in den Harz, im darauf folgenden Jahr der dritte und letzte Harzaufenthalt. 1785 unternahm er eine erste Reise nach Karlsbad, der noch viele folgen sollten.
Kurz nach seiner Ankunft hatte Goethe die Bekanntschaft der Hofdame Charlotte von Stein gemacht. Mit Schillers Worten: „..eine wahrhaft eigene, interessante Person, von der ich begreife, dass Goethe sich so ganz an sie attachiert hat.. gesunder Verstand, Gefühl und Wahrheit liegen in ihrem Wesen. Man sagt, dass ihr Umgang ganz rein und untadelhaft sein soll.“ Herr von Stein war meist dienstlich unterwegs und störte nicht. Diese Frau brachte dem Geniekerl der Sturm und Drang-Zeit Manieren bei und gleichmäßiges Arbeiten; es wurde ein dramatischer Umbau seiner Persönlichkeit: vom uferlosen Ich zur disziplinierten Person. Bis dahin war Wühlen ohne Form seine Lust (und seine Stärke) gewesen; von nun an ging es ihm um Gestalt und Formung. Nicht mehr die stürmische sprachgewaltige Darstellung von Leidenschaften, Landschaften und Wolkenflug, sondern das ruhige Nachdenken über große Zusammenhänge der Schöpfung wurden bestimmend für sein Werk. Ob er mit dieser kühlen Frau tatsächlich in wilder Ehe lebte, bleibt unentschieden. Als er sie nach zehn Jahren - nahezu wortlos - verließ, war sie verbraucht und verbittert.
In diesen Jahren begann er, sich intensiv mit Biologie zu beschäftigen, besonders mit Anatomie und dem Werden der Formen in Tier- und Pflanzenwelt. 1784 entdeckte er den Zwischenkieferknochen (os intermaxillare) am menschlichen Schädel. Nach herrschender Meinung sollte es nur bei Tieren vorkommen. Goethe, der eine „geheime“ Verwandtschaft zwischen Tier und Mensch „ahnend schaute“, sah genauer hin als alle Anderen, und hatte Erfolg.
Schon früh (Herbst 1776) hatte er dafür gesorgt, dass Herder als Generalsuperintendent nach Weimar berufen wurde. Dessen Gedanken über eine organische Entwicklung in der Naturgeschichte kamen seinen Vorstellungen sehr nahe. Die alte Freundschaft wurde wiederbelebt, diesmal allerdings auf gleicher Ebene; die alten Freunde Merck und Lavater dagegen mussten weichen. 1780 wurde er als Lehrling in die Weimarer Freimaurerloge Anna Amalia zu den drei Rosen aufgenommen (die jedoch bald schließen musste). Im April 1782 besorgte der Herzog ihm endlich vom Kaiser das Adelsdiplom, damit er bei offiziellen Gelegenheiten nicht länger im Abseits sitzen musste. 1783 folgte die Aufnahme in den Illuminatenorden unter dem Namen „Abaris“.
Neben unzähligen Gelegenheitsarbeiten (Maskeraden, Aufzügen, Redouten, Singspielen und Gelegenheitsgedichten, meist für Aufführungen in den Lustschlössern der herzoglichen Hofs bestimmt) schrieb er im wesentlichen nur „Iphigenia auf Tauris“, ein Prosastück, das den Kontrast zu seinem Leben darstellt. Regierungsgeschäfte, die eigenartige Beziehung zu Charlotte, gleichzeitig eine halbe Affäre mit der attraktiven Corona Schröter - dieses Leben war weder edel noch still. Die Figuren in der Iphigenie dagegen (sogar der Barbarenfürst) sind undramatisch und human. An die von Frankfurt mitgebrachten großen Anfänge ("Egmont", "Faust", "Der ewige Jude") wagte er sich nicht. Doch begann er 1778 den Bildungsroman "Wilhelm Meister", auch begann er ein leises Kammerspiel für fünf Personen: „Torquato Tasso“. Nach den glänzenden Erfolgen der Jugend blieben ihm weitere Erfolge versagt. Es gab zwar zwei unautorisierte „Gesamtausgaben“ (vulgo Raubdrucke), doch ansonsten hatten ihn Publikum und Verleger abgeschrieben.
1786 zeichnete sich immer deutlicher ab, dass Goethe von seinen
Lebensumständen enttäuscht war: die Beziehung zu Frau von Stein wurde
unbehaglich, seine Regierungsarbeit hatte keine Besserung der
Verhältnisse zur Folge und nahm ihm Kraft und Zeit zu eigener
Produktion. Als endlich dem Herzogspaar der langersehnte Thronfolger
geboren war, war seine Vermittlerrolle abgeschlossen, er ließ sich von
den aktuellen Regierungsgeschäften beurlauben und räumte unter Bergen
von Manuskripten und Briefen auf. Er bereitete einen neuen
Lebensabschnitt vor; wieder eine „Häutung“ wie die eines Reptils, wie
er es später mehrfach formulierte.